Mein Weg zur Malerei

Wie kamst du zum Malen?

Seit ich mich erinnern kann, war meine Lieblingsbeschäftigung das Zeichnen und Malen. Es hat mich mein ganzes Leben hindurch begleitet als eine Möglichkeit und ein Drang, intensiv Erlebtes mitzuteilen und – durch meine Augen gesehen – neu zu gestalten. Leiten liess ich mich dabei ganz einfach von meinen Wahrnehmungen und Sinneseindrücken, die mir meine Alltagswelt zutrug. In den letzten 10 Jahren hat sich dieser schöpferische Drang intensiviert und im Laufe einer Vielzahl von Kursen und Kontakten in eine ernsthaft betriebene Tätigkeit verwandelt, sodass die Malerei nun einen breiten, festen Platz in meinem Leben einnimmt.

Woher deine Vorliebe für das Gegenständliche?

Das eingehende Anschauen und Betrachten der Dinge war immer schon mein Weg, die Welt zu begreifen und mir zu eigen zu machen. Das genaue Beobachten versetzt mich in eine Art Andacht und Verbundenheit mit der wahrgenommenen Welt. Sie bietet mir einen solchen Reichtum an Reizen, dass sie mir zu einer mächtigen Inspirationsquelle wird, die mich auf Trab hält. Kein Wunder, kommt in meinen Bildern, die dieser „andächtigen“ Anschauung entspringen, vieles von der mich umgebenden Welt wieder vor.

Was fesselt dich am Motiv „Mensch“?

Schon als kleines Kind habe ich die mich umgebenden Menschen intensiv (fast wie in Trance) angeschaut und ihre Mimik, ihre Bewegungen, ihre Eigenart zu sprechen beobachtet und „studiert“. Das ging so weit, dass sich meine Schwester zuweilen meinetwegen schämte und fand, „hör auf die Leute anzustarren!“ Als Jugendliche habe ich angefangen Gesichter zu zeichnen und Menschen in meinem Beziehungsumfeld zu portraitieren, oft sogar nur aus dem Gedächtnis. Woher diese frühe Faszination stammt, kann ich nicht genau erklären. Ich erinnere mich, dass ein bestimmtes Büchlein mit Abbildungen von russischen Ikonen auf mich als Kleinkind eine grosse Anziehungskraft ausübte und ich es immer und immer wieder anschauen wollte. Nicht, dass ich die Heiligenfiguren besonders schön gefunden hätte, aber offenbar fesselte mich deren kraftvolle, dichte Präsenz. Dadurch dass sie mich mit ernsthaftem eindringlichem Blick anzuschauen schienen, zogen sie mich in ihren Bann.
Dieses „ekstatische“ Moment erkenne ich in meiner heutigen Faszination wieder, welche die Menschen in ihrer emotionalen Bewegtheit (Gestik, Haltung und Art sich zu bewegen) auf mich ausüben. In ihren absichtslosen, ungestellten Selbstinszenierungen zeigt sich mir mitten im unspektakulären Alltag etwas einzigartig Persönliches, das mich berührt.

Wie kommst du zu einem Bild?

Genau genommen komme ich nicht zu einem Bild, sondern die Bilder kommen mir entgegen, wenn ich mich durch meinen Alltag bewege. Meine Inspirationsquelle ist die Welt, wie ich sie wahrnehme. Ich lasse mich verführen durch die vielfältigen Sinneseindrücke, die sie mir vermittelt. Der Ausgangspunkt für ein Bild kann eine beiläufige Alltagssituation sein, Menschen in Bewegung, ein Licht-Schatten-Kontrast, eine Spiegelung ( z.B. in einem Fenster oder einer Wasserpfütze), eine Farbe, die mich verzaubert. Ausschlaggebend ist, dass eine Wahrnehmung mich berührt, packt, innerlich bewegt. Dies setzt meine Mal-Lust in Gang. Manchmal komme ich erst malenderweise dahinter, was mich an einem Motiv angezogen hatte und zum Pinsel greifen liess. Natürlich ergibt sich dann während des Malens ein Dialog mit dem entstehenden Bild, sodass das Resultat für mich letztlich immer überraschend ist.

Was bedeutet dir das Malen?

Zeichnen und Malen ist für mich ein meditativer Vorgang, bei dem ich mich selbst vergesse und doch ganz bei mir bin. Ich vergesse die Zeit – eine Verfassung, die mich glücklich macht. Ein besonderer Gnaden-Moment tritt ein, wenn ich in den Zustand des „tanzenden Pinsels“ komme und nicht mehr ich es bin, die malt, sondern das Malen sich wie von selbst vollzieht.

Die Fragen stellte Susanne Arzouni